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Interview mit ABOVE
Zeitschrift Umělec
Jahrgang 2009, 1
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Interview mit ABOVE

Zeitschrift Umělec 2009/1

01.01.2009

Marisol Rodríguez | interview | en cs de es

ABOVE ist ein Native American ohne bekanntes Alter und Identität aus Kalifornien. Er arbeitet fast nonstop auf der ganzen Welt, wie ein postmoderner Beatnik, der ständig den Mund voll nimmt und jedermann eine dermaßen undefinierbare Kunst darbieten will, dass wir keine Bezeichnug dafür haben.

Er ist kein Graffitikünstler und nennt sich selbst auch nicht Künstler oder Designer. Er ist ein Meister dessen, was er tut, wie auch immer man es nennt. Ich interviewte ihn per E-Mail, als er kürzlich in Lissabon war. Danach ging er nach Kalifornien, und vor wenigen Tagen schrieb er mir aus Italien.

Also, wer sind Sie?
Ich bin jemand, der gerne reist, gestaltet, und an allem teilnimmt, was das Leben bietet.

Und wo sind Sie jetzt?
Ich bin gerade in Lissabon. Ich kam aus Barcelona hierher, und zuvor war ich in Rom.

Kann ich Sie „Graffitikünstler“ nennen?
Nein!

Wenn man Ihr Werk betrachtet, könnte man Sie auch Grafikdesigner oder sogar Typograf nennen. Hat Sie schon mal ein Designer angesprochen, um bei einer bestimmten Aufgabe begleitet zu werden?
Das ist lustig, dass ich tatsächlich in den letzten Jahren öfters angesprochen worden bin, um Rat gebeten für das „Image“ verschiedener Unternehmen und so´n Quatsch. Ich bin kein Graphikdesigner und kann praktisch gar nicht mit dem Computer umgehen. Der Computer ist ein interessantes Gestaltungsmedium, aber zur Zeit ist es nicht mein Ding.

Sie waren dieses Jahr in Mexiko, was halten Sie von den Graffiti, die man dort findet?
Es hat mich gefreut zu sehen, dass es so viel davon gibt. Außerdem waren nicht alle Graffiti langweilig, es gab sogar einmalige Styles und Formen in den Straßen von Mexiko. Buen Trabajo, Amigos!

Sie zitieren auf Ihrer Webseite Dr. Martin Luther King jr.: „Das Ende unseres Lebens beginnt an dem Tag, an dem wir über die wichtigen Dinge nicht mehr sprechen.“ Welche Dinge sind denn für Sie gerade wichtig?
Der Krieg im Irak. Wie der Präsident von Amerika vor acht Jahren hätte ermordet werden sollen, damit er die Welt nicht in so eine Scheißlage hätte bringen können, wie wir sie heute haben. Armut ist ein wichtiges Thema für mich. Zu versuchen, für diese Welt ein besseres Heute und besonders ein besseres Morgen zu schaffen. Das ist das, was mir spontan einfällt.

Wie spiegelt sich das in Ihrer Arbeit wieder?
Ich versuche, das in meiner Arbeit zu kommentieren, es miteinzubeziehen, wenn ich kann, meist mit Humor und geistreichem Sarkasmus.

Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber Sie haben ihre Welttournee als Künstler mit dem Arrow Project begonnen, und das scheint Sie mindestens ein paar Jahre beschäftigt zu haben. Was war das Ziel? Was hat Sie angetrieben?
Da muss ich Sie korrigieren. Ich kam in Kalifornien zur Welt und wuchs dort auf. Mit 19 beschloss ich, nach Paris zu ziehen, um zu malen und meine Werke auf der Straße auszustellen. Seit damals, seit 2001, war ich ständig unterwegs, nicht nur mit meinen Installationen mit den Pfeilmobiles, sondern auch mit meinen abstrakten Wortspielen und einem mehr ikonischen Stil. Seit 2004 bis heute habe ich jedes Jahr vier große Reisen gemacht. Ich hatte das Glück, eine USA-Tour durch 14 Städte machen zu können (2004), eine Europa-Tour durch 15 Länder (2005), die Sign-Language-Tour (2006) durch sage und schreibe 26 Länder in Europa und dem Osten. Und kürzlich noch die South Central Tour durch 11 Länder von Brasilien bis Mexiko (2007-08).
Was mich antreibt, ist die Tatsache, dass wenn man es einmal drauf hat zu reisen und all die neuen und einzigartigen Kulturen, Menschen, Orte, Küchen und Ideen zu erfahren, dann kann man nicht mehr einfach aufhören damit. Ich gehe Opfer ein und besitze kaum etwas, in materieller Hinsicht, und so kann ich diesen Lebenswandel gut aushalten. Ich konzentriere mich jetzt drauf, Südostasien zu erkunden. Die Welt ist ganz schön groß.

Ich weiß, dass Sie auch ziemlich harte Momente beim Malen erlebt haben, gerade in Südamerika. Was halten Sie von einer Rückkehr dorthin? Haben Sie Ressentiments?
Ja, ich wurde mit gezückter Waffe ausgeraubt und meine Kamera wurde gestohlen, in Buenos Aires. Dann wurde ich in Quito, Ecuador, von drei Crack-Junkies angegriffen. Die sprangen auf mich zu, und plötzlich hatte ich echt ein Messer in meinem linken Arm, einer der Kerle hielt es fest, während die beiden anderen alle meine Taschen durchsuchten. Das ging so schnell und war so Scheiße.
Aber im Rückblick denke ich, dass ich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort war. So etwas hätte überall auf der Welt passieren können, und ich habe für meine Reisen daraus gelernt. In deiner eigenen Stadt bist du nicht sicherer als anderswo. Also ich glaube, dass ich bestimmt nach Süd- und Zentralamerika zurückkehren werde. Ich plane bereits wieder eine Reise nach Buenos Aires.

Mal im Ernst, wie finanzieren Sie solche Reisen? Ein paar Tricks erwähnen Sie auf Ihrer Webseite, etwa Falschgeld oder gefälschte Fahrkarten. Was noch?
Das stimmt alles. Es gelang mir, einen Eurail-Pass zu fälschen und sechs Monate lang gratis durch ganz Europa zu reisen. Bei meiner Reise im Jahr zuvor (2005) war mir aufgefallen, dass kaum je ein Zugbegleiter meinen Eurail-Pass genauer ansah. Im folgenden Jahr ging ich auf die Sign Language Tour durch 26 Länder und fühlte mich sicher genug, um einfach das alte Ticket nachzumachen. Es war wirklich recht einfach. Das mit dem Falschgeld erzähle ich nicht, weil da harte Strafen drohen. Ich finanziere meine Reisen mit einem Job als Kellner in verschiedenen Restaurants in Kalifornien. Ich reise normalerweise sechs Monate im Jahr, und die übrigen sechs Monate arbeite ich hart, nehme Trinkgeld ein und bereite mich auf die nächste Reise vor. Echt spaßig, nicht wahr?

Wie viele Knochen haben Sie sich gebrochen beim Bemalen von hohen Mauern?
Keinen. Bis jetzt.

Sind Sie schon mal verhaftet worden?
Das habe ich nach der zehnten Verhaftung aufgehört zu zählen. Das gehört zum Tätigkeitsbereich, also wenn du nicht darauf gefasst bist, ausgeraubt, schikaniert, verhaftet und abgehakt zu werden, dann solltest du lieber nicht illegal auf der Straße arbeiten.

Auf Ihrer Webseite haben Sie einen Fragebogen, der sich an Menschen wendet, die Ihre Werke kaufen wollen. Eine Art Filter für Wichtigtuer, nehme ich an. Funktioniert das?
Na klar funktioniert das. Ich habe auf meiner Webseite einen Fragebogen für Leute gemacht, die meine Originale kaufen wollen. Da kommen 99% der Leute durch, aber ich filtere damit welche aus, die meine Werke nur dafür kaufen, damit sie sie um ihres neuen Sozialstatus willen an ihre Wand hängen können. Ich kriege oft E-mails aus der ganzen Welt, und ehrlich gesagt ist das eine sehr unkomplizierte und persönliche Art, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Mir liegt sehr an meinen Originalarbeiten, und ich möchte sichergehen, dass den Käufern mindestens so viel daran liegt wie mir.

Eine Serie von Reproduktionen Ihrer Werke sind diese Woche auf den Markt gekommen, bei denen ist es Ihnen egal, wer sie kauft?
Wie ich schon sagte, ist der Fragebogen nur für Käufer meiner Originale. Zwar habe ich auch auf jedem Druck, den Studiocromie und ich herstellten, noch von Hand kleine Retouchen und Effekte gemacht, aber schließlich sind es doch Drucke, also ist nicht jeder ein Unikat. Ich hoffe aber schon, das diejenigen, die sich diese Drucke kaufen, Freude daran haben, wenn sie sie an ihre Wände hängen.

Jetzt muss ich doch wenigstens eine Ihrer Fragen Ihnen selbst stellen, z.B. „Wie messen Sie Erfolg?“ Wenn sie beispielsweise in einem Land sind und ein bestimmtes Kunstwerk im Kopf haben, wann merken Sie, dass der Zeitpunkt gekommen ist, um nach Hause zu gehen?
Ich messe meinen Erfolg bei meinen Kunstwerken, wenn ich ein Gefühl von Vollendung habe. Das ist bei jeder Art von Werk anders, aber ich nehme an, die einfachste Art, meinen Erfolg zu messen, wäre es, die Breite meines Lächlens zu messen.

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