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Le Dernier Cri und das Schwarze Glied von Marseille
Zeitschrift Umělec
Jahrgang 2011, 2
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Le Dernier Cri und das Schwarze Glied von Marseille

Zeitschrift Umělec 2011/2

01.02.2011

Ivan Mečl | comics | en cs de

Alle Tage hört man, dass jemand mit einem etwas zusammen machen möchte, etwas organisieren und auf die Beine stellen will, aber dass … tja, was denn eigentlich ...?
Uns gefällt wirklich gut, was ihr macht, aber hier könnte es einige Leute aufregen. Zwar stimmt es, dass ab und zu jemand aus einer Institution oder einem Institut entlassen wurde, weil er mit uns von Divus etwas veranstaltet hat – obwohl er doch ach so selbtdestruktiv gehandelt hat … Eigentlich war es ja bloß wegen seines eigenen Verlangens zu leiden, und um sich auf diese Weise zu bestätigen, dass das auch wirklich passierte.
Ivan Mečl


„Ich bring euch wirklich echte französische Comics und nicht das, was hier auf den Festivals gezeigt wird – Le Dernier Cri aus Marseille. Habt ihr davon gehört?“, lautete mein Angebot Ende des Jahres 2009. „Ja, ja, genau das wollen wir, du unerträglicher Bartträger“, kreischten die Kinder vom Französischen Institut, „was wirklich Krasses! Genug mit dem Mainstream!“
Bei Le Dernier Cri handelt es sich aber nicht bloß um ein paar Comics. Ein Haufen Bücher, die über Jahrzehnte herausgegeben wurden, oft handgedruckt von den Autoren selbst oder mit Hilfe von Druckmeister Pakito oder seinen Kollegen.
„Dann müsst ihr mir aber etwas Geld zukommen lassen, damit ich da hinfahren und alles gut auswählen kann.“ „Ja, ja! Fahr schon, schnell“, kreischten die Kinder vom Institut wieder, um die Qual bald hinter sich zu bringen. Und so fuhr ich denn, um Geld zu sparen, mit meinem Wagen los, über Landstraßen Richtung Marseille, um neben vielen Büchern auch gleich eine große Ausstellung mitzubringen.
Im letzten Jahrzehnt sind zwischen Prag und Marseille nach und nach einige Hundert Kreisverkehrsinseln gebaut worden, nur dazu geboren, den Ausflugsfahrer, wie ich einer bin, von seinem Weg abzubringen und ihn schnell wieder auf die Schreckensautobahn zurückkehren zu lassen.
Marseille ist eine riesige Hafenstadt auf dem Abstieg, vor allem von Menschen semitischen Aussehens bewohnt, die größtenteils in dem Glauben leben, Franzosen zu sein. Eine Handvoll der letzten einheimischen Franzosenfranzosen drückt sich schreckhaft in der Hafenlagune zusammen – der letzten Festung der weißen Bourgeoisie in der Stadt – wo sie jeden Sommer um eine Touristengruppe anwachsen und dann in die Straßen aufbrechen.
Marseille ist auch eine der Städte mit einem „Schwarzen Glied“, die als verloren bezeichnet werden. Der Internationale Währungsfond stigmatisiert auf diese Weise inoffiziell die Städte, die ihrem eigenen Schicksal überlassen werden. In Marseille handelt es sich bei dem „Schwarzen Glied“ um den Büroturm Zaha Hadid aus dem Jahr 2007, der nach seiner Architektin benannt wurde. Für den Ökonomen, Banker, Manager und Geschäftsmann ist diese schwarze Dominante inmitten der Stadt, die man aus dem landenden Flugzeug sehen kann, wie ein warnender Leuchtturm: „Investiere nicht hier, diese Stadt haben wir den Göttern des Verfalls geopfert. Schüttle meinetwegen die Hand der örtlichen verlorenen Seelen, versprich ihnen, was du magst und kehre lieber nie mehr zurück.“ Die Götter des ökonomischen Untergangs nehmen solche Opfer gern an und berühren zum Dank keine zur Prosperität auserwählten Städte, im Gegenteil, sie füllen diese mit erfolglosen und unflexiblen Bürgern, die unter einem Mangel an innovativer Denkfähigkeit leiden. Der Bau eines „Schwarzen Glieds“ beginnt oft als Revitalisierungsprojekt in einer dahinsiechenden Region. Das geschieht meist in Form einer Investition in einen neuen Bürokomplex mithilfe struktureller Fonds der EU, des IWF oder anderer undurchsichtiger und komplexer finanzieller Quellen. Wenn aber im Stadtzentrum das schwarze düstere Gebäude zu wachsen beginnt, heißt es für Eingeweihte die Koffer packen. Ein solcher Büroturm entstand zum Beispiel in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Belgrad. Es genügten fünfzehn Jahre, um das Stigma sichtbar werden zu lassen. Die Schwarze Beograđanka verkörperte ab 1974 den Stolz Jugoslawiens und galt lange als höchstes Gebäude im Balkan. Wenige ahnten damals seine wahre Bedeutung.
Eben deswegen existieren heute schon mehr kleine, schmutzige, nach Öl stinkende Autoreparaturwerkstätten ohne zu reparierende Autos als alle verschiedensten Restaurants zusammen. Über die Stadt ragen, neben dem „Schwarzen Glied“, auch mehrere Betonbrücken, die mit der Stadt selbst eigentlich kaum zusammenhängen. Der große, einst wohl betriebsame, internationale Hafen blockiert der ganzen Stadt den direkten Zugang zum Meer und dient heutzutage zur bloßen Überfahrt nach Afrika. Dank seinem unausweichlichen Schicksal ist Marseille zu einem der unglaublichsten Orte der Welt geworden.

In einer ehemaligen Tabakfabrik hat der teuflisch aussehende Künstler und Musiker Pakito Bolino sein Verlagshaus mit einer kleinen Siebdruckmanufaktur. Sein Image hat er seinem Ruf angepasst. Mit Leuten, die er für präpotente Ignoranten hält, unterhält er sich nicht, solche, die sein Manufakturprojekt kopieren, wie zum Beispiel das Berliner Bonogut, verflucht er öffentlich. Online bekommt man von ihm im Jahr insgesamt drei Sätze zu hören – die sich aus den Worten „yes“, „no“, „let’s do it“ und „let’s fuck it“ zusammensetzen. Seit 1997 scharrt er die meisten nicht veröffentlichbaren oder aus finanziellen Gründen nicht publizierten Autoren von Comics, Zeichnungen, Kollagen und allerlei sogenannte „gegenwärtige Künstler“ um sich. Auf eigene Kosten druckt er diesen in seiner Werkstatt ihre unannehmbare Geschichten und bringt sie, Serien und illustrierte Theorien heraus oder fügt sie in eine seiner ausschweifenden Kompilationen mit dem Namen Hôpital Brut (Brutales Krankenhaus) ein. Durch sein Verdienst wurde mancher Künstler berühmt, und die Grenze dessen, was man herausgeben kann (und was auch verkauft werden kann), hat sich wieder um ein Stückchen in Richtung Hölle verschoben. Pakito selbst hat sich aber wenig verändert. In einem kleinen Häuschen im ärmeren Marseille lebend, isst er gebackene Rippchen und quartiert seine Gäste in einer düsteren Gruft ohne Fenster neben seiner Garage ein, die gleichzeitig auch seine Bibliothek ist.
Vor meiner Abreise, den Wagen vollgepackt mit Büchern und grafischen Blättern, riet mir Pakito von der Rückreise über die Schweiz ab, wo die Polizei schon mehrmals seinen Käufern und Freunden die anstößigen Bücher, die sie bei ihm ausgesucht hatten, abnahm. Manche von ihnen verhandeln bis heute mit den Schweizer Behörden.

Bevor ich zurückkehrte, hat sich einer
der erwachsenen französischen Institutio-
nellen die Seiten von Le Dernier Cri ange-
sehen und die Ausstellung im Instituts-
gebäude verboten. Schlussendlich konnte sie zwar symbolisch im Institutscafé eingeweiht werden, doch die Ausstellung selbst fand in einem verlassenen Keller unter einer sich zersetzenden Künstlerfabrik statt, aus dem wir kurzerhand vom Hoch-
wasser Angeschwemmtes, liegengebliebene Kunstwerke und die Ruinen eines Künstlerbetriebs wehmütig wegschafften, gefundene faulige Leichen gescheiterter Kuratoren wie auch missbrauchter Künstler verbrannten und nur, gegen alle Sicherheitsbestimmungen verstoßend, das Nötigste an Licht installierten, sodass ein Abstand von 30 Zentimetern tödlich war. Weder der französische Präsident noch der Filialleiter seiner Kultur in Tschechien kamen. Die Kinder aber dürfen nicht mehr bei ihnen arbeiten. Kinderarbeit ist mittlerweile verboten. Ach, diese Kinder haben doch keinen Verstand!



Aus dem Tschechischen von Patricia Talacko.




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