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Die erste Moskauer Biennale: Wärmezonen
Zeitschrift Umělec
Jahrgang 2005, 2
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Die erste Moskauer Biennale: Wärmezonen

Zeitschrift Umělec 2005/2

01.02.2005

Dmitry Bavilsky | Moskau Biennale | en cs de

In andere Länder führt eine Biennale zur Reisezeit, um auch den Tourismus zu fördern. Die Moskauer Biennale schien da wohl einen eigenen, esoterischen Auftrag erfüllen zu wollen - anders ist es nur schwer zu verstehen für wen und zu welchem Zweck diese Biennale gedacht war.
Erstens: Die erste Moskauer Biennale sollte zeigen, dass auch “unser Weizen einmal blühen” wird. Und er hat geblüht: Eine ganze Woche lang jagten Kunstkritiker und Intellektuelle über Schneewehen springend von einer Ausstellung zu der nächsten. Zwar lief die Biennale über einen Monat, aber schon zum Ende der zweiten Woche ließ der Besucherstrom deutlich nach; und so konnte man in aller Ruhe durch die stillen, verdunkelten Räume wandern, in denen Videoclips leise ihren Spiegelbildern auf dem blank gewienerten Parkett zublinzelten. Aber ich will mich nicht beschweren und auch keinesfalls die Bemühungen der Organisatoren abwerten, schließlich bewies die Statistik ein beispielloses Interesse der Moskauer und der zugereisten Gäste für die moderne Kunst! Vielleicht ist es überall so: Zuerst der Sturm, dann die klaffende Leere…
Zweitens: Die Biennale diente als wichtiges Zusammentreffen von Global Players und unserer Heimatliga, um zu beweisen (und zwar uns selbst), dass wir auch nicht schlechter sind als die internationale Konkurrenz. Es ist uns gelungen: Die russischen Künstler waren nicht nur besser; sie waren auch charismatischer, geistreicher, interessanter. Die besten Stücke fanden sich in den ausschließlich russische Künstler präsentierenden Ausstellungen, so beispielsweise bei der STARZ in einer Filiale des Moskauer Museums für Gegenwartskunst oder der Russland-2 im Künstlerzentrum.

Die Russen kommen
Die Ausstellung STARZ zeigte ausschließlich Künstler, die in Russland und darüber hinaus bereits Rang und Namen haben: Oleg Kulik, Vladislav Mamyshev-Monroe, Vladimir Dubossarsky und Alexander Vinogradov, sowie die Gruppe AES+F (Tatjana Arzamasova, Lev Evsovitsch, Evgeny Svjatsky, Vladimir Fridkes). Jedem einzelnen Künstler stand ein ganzes Stockwerk zur Verfügung. Das Ergebnis bildeten eine Anzahl eigener kleiner Retrospektiven: Technische Fotos der Gruppe AES+F; große kitschige Gemälde von Dubossarsky und Vinogradov (die es wahlweise schafften, der Malerei neues Leben einzuhauchen oder sie endgültig zu begraben); sowie ausgewählte Installationen von Kulik, darunter Leo Tolstoi als Wachsfigur; über ihm lebendige Hühner, die mit ihrem Guano den toten Klassiker auf natürliche Weise praktisch mumifizierten.
Fast schon symbolisch scheint es, dass die zweite bemerkenswerte Ausstellung, Russland-2, von dem wohl bekanntesten Galeristen für Gegenwartskunst, Marat Guelman, zusammengestellt wurde. Vor einiger Zeit verließ er den Pfad des Kunstsammlers und wurde zum politischen Berater. Das Intermezzo mit der Macht misslang. Guelman kehrte in die Welt der Kultur zurück und begann einen neuen Dialog mit der Macht, dieses Mal auf seinem Territorium. Guelman, der schon immer als politischster Galerist Russlands galt, erregte mit seiner Ausstellung den meisten Anstoß und sogar einen kleinen Skandal, der mit einer gerichtlichen Klage endete.
Die Strategie des geschickten Kunstprovokateurs funktionierte: Dank des regierungsfeindlichen Beigeschmacks seiner Ausstellung, als Teil des offiziellen Rahmenprogramms der Biennale, gelang es Guelman, die Vision eines parallel existierenden Russlands zu errichten - eines Russlands mit leuchtender und demokratischer Zukunft, freiheitsliebend und liberal. Die Künstler gaben sich alle Mühe. Alles strahlte und war sehr erbaulich; der publizistische und bissig-kritische Gehalt – für Guelman-Ausstellungen inzwischen eher typisch. Warum die Aufregung ausgerechnet jetzt – erst im Rahmen des internationalen Kunstforums?
Der Grund ist, dass Guelman, der noch vor kurzem die analytische Abteilung eines bedeutenden russischen Fernsehsenders geleitet hat, sich hervorragend auf die Symbiose von Kunst und Medien versteht. Die Menschen reagieren nicht auf das Wesentliche, sondern auf geballte mediale Energie. Und so darf man Marat Guelman ruhigen Gewissens als bedeutendsten Kurator der Biennale (denn offiziell gehörte er nicht zum Kuratoren-Team) und seine Hauptstars –die Gruppe “Blaue Nasen” (Alexander Shaburov und Vjacheslav Mizin) – als die bedeutendsten Künstlern der Veranstaltung betiteln.

Fehlende Sensibilität

Es sollte klar sein, warum ich meinen Überblick der Moskauer Biennale mit zwei in höchstem Maße russischen Ausstellungen begonnen habe und erst jetzt zur offiziellen Ausstellung übergehe. Trotz der hochkarätigen Besetzung des Kuratorenteams (die Hauptexpositionen wurden von Daniel Birnbaum, Rosa Martinez, Hans-Ulrich Obrist, Nicolas Bourriaud, Iara Boubnova und Joseph Backstein vorbereitet) präsentierte sich die Ausstellung als völlig ausdruckslos und ohne inhaltliche Form. Jeder der Kuratoren hatte je fünf Künstler ausgewählt. Die Künstler schienen in erster Linie für den Bereich Installation ausgesucht worden zu sein; das gemeinsame Kriterium war die fehlende Sensibilität. Die Ausstellung missfiel mir – aber nicht, weil ich sie etwa mit Biennalen verglich, die ich zuvor besucht hatte. Selbstverständlich ist in Moskau alles anders und ungewöhnlich. Es waren die Werke selbst, die undeutlich und leer daher kamen. Sogar ein überschwänglich soziales Engagement wäre besser gewesen als diese totale Abwesenheit eines Inhalts. Vielleicht hat es ja wirklich an Zeit gemangelt. Joseph Backstein, der unter den Kuratoren die russische Seite vertrat, klagte über verspätete Montagearbeiten, so dass vieles einfach nicht zu schaffen war.
Dass der Hauptausstellung in der Tat eine sehr nachlässige Organisation zugrunde lag, war mit bloßem Auge zu erkennen. Kein Vergleich zu den mit viel Liebe zum Detail vorbereiteten Schauen von Guelman, Sviblova oder Andrej Erofeev, der in der Tretjakov Galerie die wohl beste “historische“ Ausstellung, Komplizen, mit kollektiven und interaktiven Werken der russischen Kunst der Jahre 1960-2000, präsentierte. Die Hauptausstellung litt offensichtlich unter dem Sprichwort “Viele Köche verderben den Brei”. Die Jungstars der internationalen Kuratoren schienen nicht imstande, eine einheitliche Meinung zu bilden. Sie vermochten überhaupt nichts zu bilden.
Vor diesem Hintergrund zeichneten sich wieder die russischen “Blauen Nasen” aus. Ihre mächtigen Werke waren in Kartons verpackt, die den gesamten Ausstellungsraum im Erdgeschoß füllten. Videoaufzeichnungen, von oben auf die Kartons projiziert, offenbarten ihr Inneres, in dem nackte und aggressive kleine Menschlein wohnten. In einem Karton fanden fortlaufende Paarungen statt, in einem wurde sich kräftig geprügelt; im dritten spielten sie Billard und versenkten die Kugeln in, Vaginen gleichenden, Billardlöchern. Der Führer des internationalen Proletariats wohnt im vierten Karton, wo er sich von einer Seite auf die andere warf und dennoch keinen Schlaf fand. Hier war alles vereinigt: nationale Identität (in gesundem Maß, versteht sich), Scharfsinn, simple Darstellung, Erkennbarkeit und Dynamik. Einfach, verständlich und geschmackvoll. Auf den ersten Blick nachlässig gemacht und doch eindeutig und unverwechselbar. Wirklich: Hätte es keine Kartons mitsamt ihrer Videos gegeben, so wäre ein Besuch im Leninmuseum eine sinnlose Zeitverschwendung gewesen.
Tatsächlich habe ich in den Zeitungen viel über das “beispiellos hohe Niveau der Präsentation und Qualität” der Hauptausstellung gelesen. Entweder bin ich zu verwöhnt, oder ich habe einfach mehr von der Welt gesehen als die großen Zeitungskritiker. Ich bin nicht sicher, aber ich denke, dass jedes Provinz-Zentrum für Gegenwartskunst unsere große internationale Biennale zumindest in Sachen Qualität und Diversität locker an die Wand gespielt hätte. Da war das Ausstellungsgebäude mit seiner formidablen Aussicht auf das Hotel Moskau und das schöne Bolschoi Theater das aufregendere Kunstobjekt.

Boltanski baumelt

Es gab auch Ausnahmen: In dem baufälligen Seitengebäude des Architekturmuseums befand sich eine Installation von Kristian Boltanski: Im Kühlraum gefrorene Mäntel hingen in unterschiedlicher Höhe, dazwischen befanden sich die nackten Glühbirnen. Das war alles. Und während man die märchenhafte Szenerie betrachtet, fiel einem auf, dass man schon sehr lange nichts so Schönes, Elegantes und Perfektes gesehen hatte. Boltanski ist ein echter Genius Loci. In seiner Arbeit verband er großartig das baufällige Gebäude, den Stadtlärm, die Kälte und die Ruinen. Das Ergebnis besaß Weltklasse, und jeder begriff es sofort. Boltanski ist wirklich groß. Nicht nur, weil er mit minimalen Mitteln eine maximale Wirkung zu erzielen vermag. Wirklich große Künstler zeichnen sich vor allem durch die Fähigkeit aus, mehrere Bedeutungen in einem Subjekt zu verdichten. Hier kommt alles zusammen – Gedanken über Tod, Judentum, die allgemeine existentielle und soziale Problematik. Boltanski trifft ins Schwarze.
Die zweite Installation von Boltanski setzte sich mit dem Thema “Odessa“ auseinander und war etwas weniger gelungen. Die sehr enge Fixierung auf das Thema Judentum hatte fast etwas provinzielles an sich. Die Stoffbilder mit den Augen längst Verstorbener, entnommen aus antiken Fotoaufnahmen, waren trotz allem sehr ausdruckstark in ihren durch die aufsteigende Luft der Heizlüfter erzeugten, leisen Bewegungen.

Ein Fenster zur Welt: Das Moskauer Fotografiezentrums

Als ein wichtiges Zentrum der Biennale entpuppte sich auch das Moskauer Fotografiezentrum (MFZ) mit Olga Sviblova an seiner Spitze. Das MFZ ist ein kleines Fenster zur Welt, durch welches ständig kluge und hochwertige Kunst in unsere Hauptstadt dringt, so auch zur Biennale. Dank der Bemühungen von Olga Sviblova glänzten im MFZ die Arbeiten “kleinerer” Teilnehmer des Forums und hielten selbst der Konkurrenz eines heiligen Giganten wie dem homosexuellen Rebellen Robert Mapplethorpe stand, der Moskau in diesen Tagen zum ersten Mal besuchte.
Der Tag der offiziellen Eröffnung der Moskauer Internationalen Biennale traf mich ausgerechnet im MFZ. Es waren unglaublich viele Menschen! Ich bekam einen klaustrophobischen Anfall, begleitet von einem Zustand allgemeiner Misanthropie – umgeben von gleichgültiger und erschöpfter Pracht zeitgenössischer Kunst unterschiedlichster Art und Qualität.
Das Erdgeschoss des MFZ belegte Mapplethorpe mit seinen manieristischen Gravuren. Die Medien hatten über die Ausstellung bereits so ausführlich berichtet, dass es nichts Neues zu entdecken gab. Was für eine Aura kann eine Fotografie haben? Walter Benjamin schreibt über die veränderte Substanz von Kunstwerken in der Ära der fotografischen Reproduktion. Aus dieser Sicht ist ein Foto im Museum nichts als eine Vervielfältigung, etwas, das als Kunstwerk seine Aura längst eingebüsst hat, selbst wenn es unebene Ränder als ein Zeichen manueller Reproduktion besitzt. Es hätte also völlig genügt, sich die Bilder in den Magazinen und Katalogen anzusehen. Laut Benjamin erzeugt nur das, was man zum ersten Mal sieht, einen echten Affekt. In diesem Sinne besitzt Moskau ein wirkliches Talent, selbst die mutigsten Projekte zunichte zu machen und zu völliger Leere zu reduzieren. Das, was mir gestern noch einzigartig erschien, ermüdet heute bereits durch seinen Überfluss.
Ebenfalls im Erdgeschoss befand sich ein neues Projekt der Gruppe AES, ein bezauberndes großformatiges Panoramafoto mit Kindern, Gewehren und einer auffallenden Abwesenheit jeglicher Erotik. Die Wirkungskraft liegt in dem zelebrierten Überfluss an Schönheit. Ein Exzess, der sich dank seines Schutzwalls der Ästhetik jeglicher Realität entzieht.
Der zweite Stock gehörte der Installation und Performance von Andrej Bartenev. Lautsprecher sprossen aus den Wandbögen wie Blütenknospen. Jeder wurde aufgefordert, ein “Ich liebe Dich!” in das Mikrofon zu sprechen. Der Satz lief nacheinander durch alle Lautsprecher, gefolgt von der Musik des Theaterstücks Das Tagebuch der schmutzigen Eva des Moskauer Autoren Boris Berger. In der Nachbarschaft hingen die großformatigen getönten Fotos von Olga Chernysheva. Ihre Motive sind die kleinen eingezäunten Parzellen einer Ferienhauskolonie, die Atmosphäre ist beunruhigend, fast melancholisch.
Als nächstes begegnete man der formlosen Installation des Seemanns Alexander Ponomarev: Wasser floß in kleinen Rinnsalen über den Boden während Kompassnadeln jeden Schritt des Künstlers im Raum verfolgten. Direkt daneben hingen die verschwommenen chinesischen Landschaftsbilder der Künstlerin Maria Serebrjakova.
Die Ausstellung im dritten Stock begann mit einer sehr hübschen Installation von Grischa Bruskin mit dem Namen In Gedanken mit Dir. Es handelte sich um Reihen von Quadraten mit illuminierten antiken Fotos und Beschreibungen, ähnlich den Fotos von Leo Rubinstein. Es scheint als ob Bruskin Fotos aus dem eigenen Familienalbum kommentierte und bereitwillig seine persönliche Vergangenheit mit dem Betrachter teilte. Einige Bildunterschriften schienen jedoch in einem merkwürdigen Zusammenhang mit den dazugehörigen Fotos zu stehen. Auf einmal, und noch während man las, verschwand der Text ohne Vorwarnung; ein Drehmechanismus bewegte die Konstruktion weiter, und überliess jede Verbindung von Bild und Erinnerung und so das Abbild der Vergangenheit allein dem Zufall.
Den Abschluss bildeten die sehr starken Videoarbeiten der Israelin Michal Rowner. In zwei verdunkelten Räumen wurde je ein Videofilm auf große Screens projiziert: In der Mitte eines weißen Panoramas tanzen schwarze Menschengestalten einen Ringelpietz. Die verschwommenen Figuren waren winzig, glichen Insekten oder fallendem Laub, ähnelten Bakterien, die sich in ihrer Ekstase in ein vielköpfiges körperloses Ganzes verwandelten, um dann auseinander zu fallen und schließlich in unordentlichen Reihen nach allen Seiten hinfort zu marschieren.
Auf dem zweiten Schirm bewegten sich die kleinen Gestalten auf dem weißen Hintergrund in entgegen gesetzter Richtung von den Seiten hin zur Bildmitte. Das sind alles wir; in einem großen Pulk unterwegs in die U-Bahn oder hierher in die Ausstellung, nichts als graue unter dem Mikroskop hin und her laufende Moleküle. Die Stärke lag in der psychedelischen Darstellung. Der fokussierte Blick, der sich in dem verdunkelten Raum auf uniforme Figuren richtete, verwandelte das Gesehene in dreidimensionale Bilder und so fielen die Menschenfiguren in sich zusammen bis nur noch einige Strukturen übrig bleiben.
Eile gibt es nicht: Die Poesie ist keine die Laune eines Halbgottes, es gibt keine Hast: Die Poesie ist keine Laune des Halbgottes, sondern Ansicht eines einfachen Tischlers. Die Persönlichkeit wird offenbar. Und was wird die Ebene des Denkens und des Besitzes? Eine präzise in das Unterbewusstsein treffende Metapher, der es gelang, den einen überraschten Zuschauer in der Menge einzufangen. Gewöhnlich bleibet man nur kurz vor einer Videoinstallation, alles klar, und schon kann es weitergehen. Es braucht den aufmerksamen Betrachter; man muss sich manchmal Mühe geben. Im Fall von Rowner bedarf es keinerlei Anstrengung.

Die Szene der Kunst – ein besonderes Milieu: Tusovka

Die fehlende Ausstrahlung verwandelt Donatoren in Vampire. Die Menschenmassen, der Mangel an ästhetischen Eindrücken ermüdet. Schon lange bin ich mir darüber bewusst, wie sehr Ausstellungen erschöpfen können. Bin erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Jawohl, die Ihre auch. Tusovka ist widerwärtig. Nichts, aber rein gar nichts, lässt sich danach noch kreatives anfangen – alles ist wie ausradiert. Kurz vor der Eröffnung der Biennale sagte einer der Kuratoren, Nicolas Bourriaud, in einem Interview mit der Zeitung Kommersant, dass sich die moderne europäische Kunst in Richtung einer “Ästhetik der zwischenmenschlichen Beziehungen” entwickelt. Das gesamte Interview war dem Thema gewidmet. Es ist schon richtig; das Museum verwandelt eine Menschenmasse in ein Kunstwerk und dies ist ihr größter Sieg, über das Leben selbst.


Videobotschaften

Anschließend besichtigten wir Bill Viola im Alexander-Puschkin-Staatsmuseum der Feinen Künste. Ausgangspunkt ist die wohlbekannte Darstellung von Jakopo Carucci Die Heimsuchung im Videoformat. Und das in der mit großzügigen Geldmitteln einer mächtigen Aktiengesellschaft wieder instand gesetzten Säulenhalle. Ein kleines Schild warnt, dass mehr als maximal 50 Menschen nicht in den Saal passen würden. Am Sonntagabend vor der Schließung wohl keine drei Bleistifte mehr...
Der alte Meister Carucci, genannt Pontormo, hätte selber großartig in diese Ausstellung gepasst. Es hätte den Vers perfekt vollendet. Auch so war es offensichtlich, dass Viola sein Publikum kaum affizierte. Erstens, war es zu schön; zweitens, zu statisch; drittens, kein Stück aktuell. Ein Vielfaches an Bedeutung hätte man hineinlegen können. Nur, wozu die Anstrengung? Die Anregung fehlte. Zwar hatte die Arbeit durchaus psychedelische und emotionale Nuancen, die Sound-Screen (unter anderem das Brummen eines Flugzeugmotors), der Zeitraffer. Aber im Vergleich zu den italienischen Klassikern, veralten Videos doch sehr schnell. Die Botschaft und Erfahrung schmilzt dahin, längst von der Kultur verdaut. Viola ist bereits durchgekaut und wieder ausgespuckt.
Ähnlich armselig fielen die Kritiken zu Violas Arbeit aus; sie übernahmen gerade ein paar Bruchstücke aus der Presseinformation. Mit einigen Ausnahmen ist die Arbeit mit dem Video wirklich schwer. Es ist bereits schwer, Videoaufnahmen nur zu betrachten. Nach außen hin grell und dynamisch, bleiben sie im innern absurd statisch. Nur wenige schaffen es, aus diesem Teufelskreis der technologischen Sklaverei auszubrechen. In dem schillernden Video von Viola gab es keine Wunde, nichts Beeindruckendes. Nichts vermochte mich in den Bann zu schlagen, egal wie sehr ich nach einer Inspiration suchte.
Die Bilder wechselten hektisch, es war kaum möglich, sich auf den medialen Rhythmus einzulassen. Vielleicht hätte man einen Joint rauchen müssen, um die Arbeit zu verstehen. Aber so kann man ja alles verstehen. Die restlichen Ausstellungsräume mit ihren leeren, inhaltslosen Videos erledigten wir im Galopp. Na ja, nichts Besonderes. Eine Frau läuft mit dem Orchester durch die Stadt, die andere singt Operarien. Ein anderer fährt ab, und noch einer begleitet jemanden.

Der Meeresspiegel hat sich nicht geändert

Moskau ist ein komischer Ort. Alles Mögliche saugt er in sich auf, kaut darauf herum, spuckt es wieder aus. Ohne dass der Meeresspiegel sich ändert. Ohne dass jemand eine Miene verzieht. Sicher, nie zuvor gab es in der russischen Hauptstadt eine solche Vielzahl heutiger zeitgenössischer Kunst von hoher Qualität. Andererseits, auch darüber lässt sich streiten…
Die lokalen Galerien, die den Stadtplan mit einem dichten Kapillarnetz bedecken, schaffen und zeigen fortlaufend eine Vielzahl an interessanter und hochwertiger Kunst. Für diejenigen, die der Entwicklung der Moskauer Kunstszene ohnehin folgen, hat die Biennale keine besonderen Neuentdeckungen gebracht. Daher widme ich mich in meiner Übersicht in erster Linie meinen persönlichen Eindrücken und den Besonderheiten der Wahrnehmung der “internationalen Größen”; in Russland erleiden sie ein etwas außergewöhnliches Schicksal .
Eine andere Tatsache ist, dass die zeitgenössischen Künstler und Kuratoren nie zuvor in den Genuss einer derartigen Carta Blanca von der Staatsgewalt und den Medien kamen. Die Werbekampagne war massiv und breit angelegt. Inzwischen weiß jeder kleine Kulturbeamte, dass es in Russland noch ein Russland-2 gibt. Das ist gut. Und ein Ergebnis. Die Menschen aus einem bestimmten Kreis konnten eine kleine Schau der eigenen Leistung darbieten und dazu auch noch einige Fremde einladen. Eine Art russische Nationalmeisterschaft der Gegenwartskunst. Wer die Situation zu nutzen wusste (wie Marat Guelman oder Zurat Tsereteli), endete als Sieger. Ein typischer Streit unter Slawen. Und eine ganz gewöhnliche, zärtliche, russische, mit ihrem Wagenzug im Schnee stecken gebliebene Barbarei.




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